Paris, Gerda, Kurt, Klein, Weissmann

Gerda & Kurt

Die ersten Monate in Deutschland

Die erste größere Trennung erleben die beiden, als Kurt ins 300 km entfernte Pfarrkirchen versetzt wird. Zeitgleich muss Gerda eine Lungenentzündung und Typhus überstehen. Auch kommt sie nur knapp an der Amputation ihren erfrorenen Füße vorbei. Mühsam lernt sie wieder laufen.

Kurt besucht sie weiterhin, so oft er kann – freilich sind das jedesmal fünf Stunden Fahrzeit. Gerdas Haar nimmt wieder seine ursprüngliche schwarze Farbe an, sie gewinnt an Gewicht. 

Dann taucht Kurt plötzlich gar nicht mehr auf – erst nach drei Wochen erreicht sie sein erster Brief, den er am 27. Juni 1945 geschrieben hatte. Kurt ist völlig überraschend in die Nähe von München versetzt worden – der Brief erreicht sie spät, weil sie als Zivilistin noch keine Post empfangen durfte – Kurt nutzte den Dienstweg.

Auf den letzten Seiten von „Nichts als das nackte Leben“ beschreibt Gerda Weissmann, wie Kurt ihr eine Arbeit in München bei der Zivilen Zensurabteilung der Amerikaner vermittelt und vor allem, wie er ihr, die fassungslos und ungläubig reagiert, am 13. September erklärt, dass er sie heiraten will. Freilich muss er ihr auch am selben Tag sagen, dass es zunächst noch eine weitere, längere Trennung geben wird: Kurt muß für etliche Monate alleine in die USA gehen. Nach allem, was Gerda erlebt hat, eine schwere Belastungsprobe. Aber sie spürt, bei allem, was sie zuvor verloren hatte: Es würde eine Trennung geben, aber keinen Verlust.

„Wir würden nie mehr allein sein.“

Nichts als das nackte Leben (S. 349)

Aber vorher feiern die beiden im September 1945 in München noch ihre Verlobung.


Kurt muss nach Amerika

Die Trennung sollte sich freilich als sehr viel länger herausstellen, als von den beiden zunächst gedacht. Kurt schreibt später:

„Obwohl das Schicksal uns mit langen Trennungen einen Streich spielte, zeigt die darauffolgende Serie von Briefen, die die Lücken überbrückten, dass Gerda trotz großer Widrigkeiten wieder zur Normalität zurückgefunden hatte. In einem größeren Sinne zeigen sie die Traumata und Hindernisse auf, mit denen die meisten jüdischen Überlebenden im Nachkriegsdeutschland im Zuge des Wiederaufbaus ihres zerbrochenen Lebens konfrontiert waren.“

Es folgt ein intensiver Briefwechsel, den sie in ihrem gemeinsamen Buch „The Hours After“ im Jahr 2000 veröffentlichen.

Sie planen, in Paris zu heiraten. Die beiden stehen in ständigem Kontakt – auch wenn sie manchmal quälend lange warten müssen, bis wieder ein neuer Brief ankommt. Dann kommen aber manchmal gleich mehrere auf einmal. Die beiden erzählen sich von ihrem Alltag. Die Mühlen der Bürokratie spielen eine große Rolle: Um nach Paris zu kommen, versucht Gerda beispielsweise monatelang, am Ende vergeblich, ein Transitvisum des Schweizer Konsulats zu bekommen. Auch die amerikanische Verwaltung, speziell das Außenministerium, trägt am Ende zu einer wochenlangen Verzögerung von Kurts Flug nach Paris bei.

Dazwischen berichten sie sich Erinnerungen aus dem Familienleben, aber auch, oft durch konkrete Begegnungen angestoßen, von ihren eigenen, so schwierigen Erfahrungen der vorangegangenen Lebensjahre. Sie stellen sich Verwandte und Freunde vor, und am Rande werden wir mit gesellschaftlichen und politischen Informationen unterschiedlicher Bedeutung aus der Zeit versorgt, von der Kapitulation Japans über eine Trumanrede bis zum Suizid des Dirigenten Hans Knappertsbusch oder der Begrenzung des elektrischen Stroms in München – um 19 Uhr ging das Licht aus.

Gerda erzählt, wie sie anfangs fast täglich am Deutschen Museum in München vorbeiging: Es war 1945 zu einem „clearinghouse for survivors“ umfunktioniert worden, hier hingen Namenslisten aus: Gerda hoffte ja immer noch, dass ihr Bruder leben könnte.

Kurt wird mit dem Schicksal seiner Eltern konfrontiert, als er auf dem Weg in die USA nach Marseille kommt.

Gerda erzählt begeistert, dass sie Rita wieder getroffen hat, ein Mädchen, mit dem sie schon in Bielitz zur Schule gegangen war – und das auch den Todesmarsch mit ihr durchmachen musste. Sie fährt mehrfach zu ihr nach Regensburg.

Kurt schildert die Suche nach Verwandten in Frankfurt, aber, an anderer Stelle, auch, wie die Stadt Buffalo aussieht, die er mit Gerda zur neuen Heimat werden lassen will.

Wir erfahren mehr über Gerdas einzigen noch lebenden Verwandten, Onkel Leopold, der in der Türkei lebt. Der wohlhabende Onkel unterstützt sie mehrfach aus der Ferne mit Finanztransfers und schenkt ihr zuletzt sogar ihr Hochzeitskleid.

Fast Krimi-Charakter trägt Gerdas Schilderung, wie sie letztlich Ende März auf illegale Weise („Fake identity“) mit Hilfe dubioser Helfer doch ganz schnell nach Paris gelangt, sich dabei zwar ein paarmal in Panik  gewissermaßen selbst in Notlagen bringt, sich am Ende aber auch wieder selbst aus der „Patsche“ rettet.


Hochzeit in Paris

Am 18. Juni 1946 findet die Hochzeit in Paris statt.

„Was ich unwiderstehlich fand, war ihr schneller Witz, ihre  unerschütterlichen Prinzipien und das Feuer in ihren strahlend grünen Augen, verbunden mit ihrem Lächeln, ihren Grübchen. Sie besaß sowohl eine innere als auch eine äußere Schönheit, die zu einem mächtigen Magnet für mich wurde, der Gedanke, ohne diese besondere und seltene Person zu leben, wurde unvorstellbar.“  

The Hours After (S. 63)
Gerda Weissmann-Klein, Paris, Hochzeit

Familie

Im September 1946 läßt sich das Ehepaar in Buffalo, New York nieder. Hier arbeitete Kurt als Drucker und Editor u.a. für Gerdas Biographie „All But my life“. Das Buch und die spätere Verfilmung platzierten Gerda Weissmann-Klein auf eine nationale und internationale Bühne, stets unterstützt von ihrem Ehemann. Kurt wurde Präsident und Besitzer der Firma Kiesling-Klein Printing Co. Sie haben zwei Töchter und einen Sohn sowie acht Enkelkinder. Bis zu seinem Ruhestand 1985 lebte die Familie in Buffalo und zog dann nach Scottsdale, Arizona.

Gerda, Weissmann, privat, Kinder
Kurt, Gerda, Klein, Weissmann, Las Vegas
1990 in Las Vegas

Besuch in Volary

Gerda, Kurt, Klein, Weissmann, Volary

Einmal kehrten Kurt Klein und Gerda Weissmann-Klein an diesen Schicksalsort zurück, es war 1991, also nach rund 46 Jahren. Gerda schreibt im Epilog zu “Nichts als das nackte Leben”:

„Nach beinahe einem halben Jahrhundert ergab sich die Gelegenheit, an den Ort des letzten Kapitels meiner dunklen Vergangenheit zurückzukehren. Mein Mann und ich, meine Kinder und meine Freunde machten eine Pilgerfahrt ins tschechische Volary, wo ich befreit wurde – der Ort, an dem sich der Vorhang der Tragödie schloß, an dem die Knospen der Liebe und Hoffnung im Frühling meines Lebens wieder erblühten. Wir kehrten im Herbst dorthin zurück, Kurt und ich im Herbst unseres Lebens. Obwohl sich für mich in der Zwischenzeit alles geändert hatte, schien dort alles unverändert. Als hätte sich das Rad der Zeit zurückgedreht, stand ich am Eingang der verlassenen Fabrik, wo ich die Freiheit begrüßt hatte, von der ich so viele Jahre lang geträumt hatte. Ich verweilte an den Gräbern meiner geliebten Freundinnen, denen es nie vergönnt war, die Freuden der Freiheit, die Sicherheit eines Laibes Brot, oder das tiefe Glück, ein Kind in den Armen zu halten, zu erleben. Ich lauschte dem sanften Wind in den Bäumen, dem Zwitschern eines Vogels und betrachtete die flackernden Kerzen auf ihren Grabsteinen. Der Augenblick beschwor die unbeantwortbare Frage herauf, die mich verfolgt hat, seit ich meine Weggefährtinnen dort auf dem Friedhof zurückgelassen habe: Warum? Ich stand an dem Fenster des ehemaligen amerikanischen Feldlazaretts (inzwischen eine Möbelfabrik), wo ich mehrere Monate lang in kritischem Zustand lag. Neben diesem Fenster hatte das zweistöckige Bett gestanden, in dem ich an meinem ersten Tag in Freiheit erwachte, um mich zu fragen: ‘Warum bin ich hier? … Ich bin doch nichts Besseres!’ Ich betete an diesem Fenster in der Hoffnung, dass ich vielleicht durch das Werk meines Lebens einen Bruchteil der Antwort gegeben habe und ein klein wenig von dem zurückzahlen konnte, was ich bekommen habe.” 


Herzinfarkt

Kurt Klein starb am 21. April 2002 an einem Herzinfarkt.
Er war gemeinsam mit Gerda auf einer Vortragsreise in Guatemala unterwegs.


2019

Gerda mit ihren Kindern, Enkeln und Urenkeln bei ihrem 95. Geburtstag

Familie, Klein, Weissmann